RoboEtch
Visitenkarten kann man, wenn man will auch aus Aluminium machen. Wie geht das? Eloxierte Rohlinge bestellen, gravieren -fertig?
Nein! Wenn die Vorder- und Rückseite graviert werden sollen, heisst das zwei Arbeitsgänge pro Karte, bei sagen wir mal vielen Karten, gibt das doppelt so viele Arbeitsgänge. Und wenn man aber eine Industriellen CoBot zur Hand hat dann…
Robotergestützte Gravur von Visitenkarten aus Aluminium
Projektübersicht & Motivation
Aus der tiefen Faszination für Robotik heraus ergab sich die Gelegenheit, ein Ausstellungs- und Vorführmodell eines sechsachsigen Industrie-Roboterarms vom Typ Universal Robots UR5e zu erwerben. Nach ersten spielerischen Versuchen um mich mit der Bedienung des Roboterarms vertraut zu machen beginnt hier die erste “industrielle” Fertigungsaufgabe: Dem vollautomatisierten, beidseitigen Gravieren von Aluminium-Visitenkarten mittels eines Galvanometer-gesteuerten Faserlasers.
Die primäre Herausforderung: Der Faserlaser verfügte weder über eine dokumentierte, quelloffene API noch über externe digitale Steuerschnittstellen. Um ein zeitintensives, manuelles Neuladen von Laser G-Code für Vorder- und Rückseite zu vermeiden, musste ich ein System entwickeln, welches beide Seiten synchron in einem einzigen Laservorgang graviert und die Beschickung an den Roboter delegiert.
Setup
Roboterarm Universal Robots UR5e mit integriertem Kraft-Moment-Sensor
Manipulator (3D-Druck) mit 4 Vakuum Saugnäpfen
Adapter (3D-Druck) für die Standardaufnahme an der 6.Achse
Unterdruckschlauch 6mm Quick-Fit
Teach-Pendant (Toch-Display zur Steuerung und Programmierung)
Integrierte I/O-Box (
Drehteller
Pneumatischer Schwenkantrieb (Schwenkfügel-Antrieb) mit justierbaren Endanschlägen
Halterung zur Montage in die Lochrasterplatte (3D-Druck)
Drehteller zweiseitig mit jeweils zwei Vertiefungen für Forder- und Rückseite
Induktiver Näherungssensor zur verifizierung des Erreichens der Endpositionen (Nach dem ersten zersplitterten Drehteller und zu forscher Optimierung der Zykluszeiten… Grins!)
Laser Gravierer xTool F1
Zusatz-Auslöser zum externen Starten des Laser-Vorgangs
Kartenstapel
Kartenschacht (3D-Druck)
Ablageschacht (3D-Druck)
Technik
Robotersteuerung
Vakuumpumpe
Druckluftanschluss
Solenoid-2/5-Wege 4-Fach-Ventilblock
Drehteller
2-Wege-Zylinder “Startknopfdrücker”
Exhaust-Air (Nach realisation, dass einfaches Zuschalten von Atmosphärendruck keinen zuverlässigen Kartenabwurf erzeugt)
Vakuum-Sensor mit digitalem Ausgang und Schwellenwertdefinition
Basis
Werkzeugwagen aus Edelstahl
Lochrasterplatte mit M-8-Innengewinde 50×50mm aus Multiplex
Adapterplatte für Roboter-Basis aus Multiplex
Software / Steuerung
Virtuelle Umgebung
Sichere Zonen
Virtuelle Begrenzungen
Koordinatensysteme für die verschiedenen Baugruppen
Exakte Koordinaten im Bezugssystem
Sicherheits-Einstellungen
Crash-Empfindlichkeit
Not Halt
Beschleunigung
usw.
Programm-Code
Genereller Ablauf
Funktionsblöcke für repetitive Sequenzen
Init-Phase
Exit-Phase
Geschwindigkeiten
Beschleunigung
Background Thread für Vakuumüberwachung
Herausforderungen
Der Prozess beginnt in einem maßgeschneiderten, 3D-gedruckten Kartenschacht, in dem die Rohlinge aufgestapelt sind. Das automatisierte Vereinzeln dünner, glatter Metallkarten birgt eine klassische Hürde der Automatisierungstechnik: Die sogenannte planparallele Adhäsion (Saugwirkung durch Luftausschluss), durch die mehrere Karten wie zusammengeklebt aneinanderhaften.
Um dieses Problem prozesssicher zu lösen, kam eine Sensor-Fusion aus der Robotik und externer Sensorik zum Einsatz:
Nutzen des Kraft-Momenten-Sensors (e-Series): Das „e“ des UR5e steht für die integrierte, mehrachsige Wägezelle in der sechsten Achse. Statt fehleranfälliger mathematischer Höhenberechnungen läuft der Manipulator mit moderner Geschwindigkeit nach unten, bis der integrierte Kraft-Momenten-Sensor ein exakt definiertes Force-Feedback detektiert. Die Stapelhöhe ist dem System somit völlig egal – der Roboter stoppt materialschonend bei physischem Kontakt.
Die Entstapel-Kinematik: Um die Adhäsionskräfte zu brechen, hebt der Roboter die Karte minimal an und führt eine hochfrequente, zweiachsige Oszillationsbewegung (Wackelbewegung) um den Aktuatorenmittelpunkt in der X- und Y-Achse aus. Anschließend wird die Karte in einer leichten Schräglage aus dem Schacht gefahren. Dank der hohen Beschleunigungswerte des UR5e läuft dieser gesamte Trennvorgang in unter zwei Sekunden ab und verhindert das Mitziehen von Zweitkarten absolut zuverlässig.
Vom Zufall zur messbaren Sicherheit: Da die Kraft-Rückkopplung allein keine Garantie für ein gehaltenes Vakuum bietet, wurde ein digitaler Unterdruck-Vakuumwächter mit Display in die Pneumatikleitung integriert. Dieser Sensor wird permanent in einem dedizierten Background-Thread der Robotersteuerung abgefragt. Fällt das Vakuum während des Transports unter den Schwellenwert, stoppt das Programm sofort (Isolierung von Fehlerquellen), anstatt unkontrolliert weiterzuarbeiten.
2. Tooling-Design: 3D-Druck im Vakuum-Einsatz
Da Standard-Greifsysteme für diese Applikation zu schwer und unflexibel waren, wurde ein maßgeschneiderter Leichtbau-Vakuumgreifer auf Fusion 360 konstruiert und additiv gefertigt.
Das Problem bei 3D-gedruckten Pneumatik-Komponenten ist die inhärente Mikroporosität des FDM-Drucks. Durch intensive Optimierung der Slicer-Settings (erhöhte Extrusion, maximale Wandlinien) und das gezielte Versiegeln kritischer Flächen mit hochviskosem Cyanacrylat (Sekundenkleber) wurde das Gehäuse absolut luftdicht präpariert. Ein direkt in den Druck integriertes Feingewinde nimmt das pneumatische Fitting auf, während die Aufsätze für industrielle, strömungsoptimierte Saugnäpfe ausgelegt sind. Nach drei iterativen Designstufen entstand so ein hochperformanter Prototyp.
3. Der Medienträger: Synchron-Drehteller & Hardware-Hacking
Das Herzstück der Synchron-Gravur bildet ein mechanisch gespiegelter Drehteller mit zwei gegenüberliegenden Bearbeitungsstationen. Jede Station besitzt zwei Fächer: In Fach A liegt die Vorderseite einer neuen Karte oben, in Fach B die Rückseite der zuvor gewendeten Karte.
[ Station 1: Laser-Bereich ]
Fach A (Vorderseite) | Fach B (Rückseite mit Ausschnitt)
▲
│ 180°-Rotation
▼
[ Station 2: Roboter-Bestückung ]
Prozess-Sicherheit & Taktung
Der Drehteller rotiert um 180°. Da reine Zeitsteuerungen der Rotation durch Luftdruckschwankungen oder mechanische Blockaden (z. B. im Weg liegendes Werkzeug) im Entwicklungsprozess zu teurem Ausschuss führten, wurde ein induktiver Näherungssensor nachgerüstet. Dieser detektiert eine Justierschraube an den Endanschlägen der Drehplatte und gibt die Zielposition über die digitalen Eingänge (DI) der Robotersteuerung frei. Erst wenn dieses Signal anliegt, startet der Prozess der Beschickung.
Laser-Gravierer Ansteuerung
Da der Laser kein digitales Startsignal verarbeiten konnte, wurde die Ansteuerung mechanisch gelöst: Ein pneumatischer Kurznhubzylinder ist exakt über dem physischen Startknopf des Lasers montiert. Meldet der induktive Sensor das Einrasten des Drehtellers, löst die Robotersteuerung ein Magnetventil aus, und der Zylinder triggert den Laserprozess.
Da auch kein digitales "Fertig"-Signal vom Laser kommt, läuft die Taktung aktuell über ein empirisch ermitteltes Zeitfenster. Für die finale Ausbaustufe ist jedoch bereits das nächste Feature geplant: Das Abgreifen der Schaltspannung des internen Abluftlüfters des Lasers, welcher exakt synchron mit dem Gravurvorgang startet und stoppt, um ein echtes Closed-Loop-Rückmeldesignal zu generieren.
4. Dynamischer Materialfluss & Impuls-Abwurf
Während der Laser auf der einen Seite des Tellers arbeitet, fährt der Roboter in Warteposition.
Sobald die Drehplatte nach dem Laservorgang zurückschwenkt, saugt der Roboter die beidseitig gravierte Karte an und bewegt die in den Ablagestapel. In Folge saugt er die einseitig gravierte Karte an, wendet sie im Raum und legt sie durch einen Ausschnitt im Drehteller umgedreht (Rückseite nach oben) in Fach B ab.
Das Problem der elastischen Rückfederung (Springback)
Beim Ablegen der gewendeten Karte passierte es anfangs regelmäßig, dass die Karte durch materialspezifischen Verzug (Flexing) elastisch nach oben federte, sobald das Vakuum abgestellt wurde. Ein reines Belüften der Leitung unter Atmosphärendruck war viel zu träge.
Die Lösung brachte die Integration eines Druckluft-Überdruckimpulses: Über ein feinfühlig eingestelltes Durchflussreduzierventil (Drosselventil) wird im Moment des Lösens ein minimaler, dosierter Druckluftstoß auf die Saugnäpfe gegeben. Durch die exakte softwareseitige Abstimmung von Vakuum-Unterbrechung und Abwurf-Timing wird die Karte nun kontrolliert in das Fach gedrückt, ohne dass sie springt oder sich verschiebt.
5. Pipeline-Management: Steady-State, Init & Exit
Befinden sich alle Karten im Durchlauf, arbeitet das System im hocheffizienten Steady-State: Bei jedem Zyklus wird eine fertige Karte in den Auswurfschacht gestapelt, eine teilgravierte Karte gewendet und ein neuer Rohling eingezogen.
Die größte logische Denkarbeit im Programmcode floss in das Pipeline-Management (Anfangs- und Schlusssequenz):
Die Init-Phase: Beim ersten Start des Systems ist der Drehteller leer. Der Roboter darf nicht versuchen, eine nicht vorhandene Karte zu wenden oder zu greifen, da der fehlende Unterdruck sonst sofort einen Not-Halt auslösen würde. Die Beladungssequenz muss daher schrittweise aufgebaut werden.
Die Exit-Phase: Ist der Kartenschacht leer (detektiert über den UR5e-Nullpunkt-Tiefenanschlag), schaltet das System in eine sequenzielle Entleerung. Die verbleibenden Karten auf dem Drehteller werden sauber zu Ende graviert und ausgeworfen, ohne dass neue Karten nachgeholt werden.
Es kann eine voreingestellte anzahl Karten definiert werden.
Learnings & Kompetenzgewinn
Roboterprogrammierung & Sensorik: Nutzung von Kraft-Momenten-Sensorik zur adaptiven Bauteilsuchfahrt sowie Implementierung asynchroner Hintergrund-Threads zur Sicherheitsüberwachung.
Pneumatik & Fluidtechnik: Beherrschung von Unterdrucksystemen, Object-Pooling im Luftstrom (Abwurfsicherung via Drosselventilen) und EMV-sicherer Sensorintegration.
Kreative Problemlösung: Entwicklung mechanischer und elektrischer Schnittstellen ("Hardware-Hacking") für geschlossene Fremdsysteme ohne offene Software-Schnittstellen.